„Benutz mich, dein Handlauf!“

Warum gelingt uns die Umsetzung so selten?


In vielen Unternehmen ist das Thema „Handlauf nutzen“ klar geregelt. Theoretisch bedeutet dies, dass jeder Mitarbeiter beim Begehen der Treppe den Handlauf verwenden sollte. Die Praxis sieht in vielen Unternehmen jedoch anders aus. Der Handlauf wird eher unzureichend genutzt und es stehen genügend Argumente für die Nichtnutzung im Raum. Spricht man Kollegen auf ihr Verhalten an, heißt es oft „Der Handlauf ist voller Keime“, „Ich kann schon laufen“ oder „Das ist nicht meine erste Treppe“.


Die Statistik der DGUV zeigt, dass Treppenunfälle fortwährend eine Rolle im Unfallgeschehen spielen. Etwa 6 % aller meldepflichtigen Ereignisse sind auf das Fortbewegen auf Treppen zurückzuführen. Dies entspricht 44.488 meldepflichtigen Ereignisse in 2018. Davon hatten sechs Ereignisse einen tödlichen Ausgang. Interessant ist auch, dass die Anzahl an Treppenereignissen über die Jahre annähert konstant geblieben ist.


Viele der erfassten Ereignisse hätten sicherlich durch die Nutzung des Handlaufes verhindert oder abgemildert werden können. Der Handlauf stellt eine einfache und in den meisten Fällen verfügbare Schutzmaßnahmen dar. Jedoch bleibt die Frage im Raum, warum fällt es Mitarbeitern so schwer, diese einfache Schutzmaßnahme zu ergreifen?


Das Laufen beherrschen wir bereits seit dem ersten Lebensjahr. Auch das Treppensteigen ist hier mit inbegriffen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Das Anlegen von Routinen und Gewohnheiten ist für uns eine wichtige Voraussetzung um im Alltag zu Recht zu kommen. Auto fahren, Zähne putzen und Treppe laufen übernimmt bei uns der Autopilot. Für uns bedeutet dies, dass wir während der Ausführung von Routinen kaum bis keine Gehirnaktivität aufbringen müssen. Der Nachteil an Routinen ist, dass sich diese nur schwer verändern lassen. Jeder hat z. B. in Bezug auf Neujahrsvorsätze – mehr Sport, gesünder Essen - schon einmal Erfahrungen mit seinen individuellen Gewohnheiten gemacht.


Tritt ein Beschäftigter mit 25 in ein Unternehmen ein, so hat dieser in den meisten Fällen das Treppen laufen ohne Handlaufnutzung als Routine etabliert. Der Beschäftigte ist bereits mehrere 100 000 Male die Treppe heruntergelaufen ohne dabei einen Unfall zu erleiden. Mit jedem weiteren Mal wird diese Routine im Gehirn bestärkt.


Soll in einem Unternehmen zukünftig die Handlaufnutzung etabliert werden, stehen Arbeitgeber vor der Herausforderung Routinen von Mitarbeitern zu verändern.

Für das Verändern von Routinen gibt es im Wesentlichen folgende Möglichkeiten:


1) Schock-Erlebnis (eigener Unfall oder erlebter Unfall eines Kollegen):

Durch ein einschneidendes Erlebnis wird die etablierte Routine sofort Unterlassen und nicht weiter gefördert.


2) Etablieren einer neuen Routine:

Durch wiederholtes Unterlassen der alten Routine und Befördern (Loben) einer neuen Routine rückt das ursprüngliche Verhalten in den Hintergrund.


3) Individuelle und kollektive Risikowahrnehmung fördern Durch verhaltensorientierte Maßnahmen für die Gefährdungen auf und an Treppen nachhaltig sensibilisieren. Das Gesetz der eigenen Unverletzlichkeit führt dazu, dass z. B. die Verwendung des Handlaufes als übertriebene Maßnahme betrachtet wird.


Im besten Fall fällt nicht jeder Beschäftigte einmal die Treppe herunter um ein eigenes Schock-Erlebnis zu kreieren. Der Arbeitgeber sollte den Fokus daher auf eine Kombination der Strategie zwei und drei legen.


Die Umsetzung einer Präventionsmaßnahme, z. B. Handlaufnutzung kann durch die Etablierung der nachfolgenden Schritte erfolgen.


  1. Eindeutige Unternehmensregelung Schaffung einer eindeutigen und verpflichtenden Unternehmensregelung. Diese sollte für jeden Mitarbeiter verständlich und transparent beschrieben sein.

  2. Handlauf nutzen als Teamprinzip verstehen Je weiter die Sicherheitskultur in einem Unternehmen etabliert ist, desto mehr wird Sicherheit grundsätzlich als Teamprinzip verstanden. Für ganzheitliche und gelebte Sicherheit ist dies unabdingbar. Praktisch kann dies z. B. umgesetzt werden, indem als Team gemeinsame Ziele und Verhaltensweisen definiert werden.

  3. Hinschauen bei Mitarbeitern aller Hierarchieebenen – nicht Wegschauen Jeder Mitarbeiter muss sich dafür verantwortlich fühlen, andere Kollegen und damit das Team bei der Umsetzung der Maßnahme zu unterstützen. Hierzu gehört auch, sich mit einem aufmerksamen Blick fortzubewegen und auf Verhalten von Kollegen adäquat zu reagieren. Hinschauen bedeutet nicht, verdeckt beobachten!

  4. Ansprechen der Mitarbeiter bei Handlauf-Nutzung (wertschätzendes Lob) und Handlauf-Nicht-Nutzung (neutrales Feedback) Das Ansprechen ist das wohl wichtigste Element. Dies bezieht sich nicht nur auf das Ansprechen von Fehlverhalten sondern auch auf wertschätzendes Lob bei einer Verwendung des Handlaufs. Mit jeder Kommunikation auf ein bestimmtes Verhalten wird dieses entweder bestätigt und befördert oder unterbunden.


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Auch wenn die Verwendung des Handlaufes in vielen Unternehmen ein belächeltes Thema darstellt, zeigt die Unfallstatistik die fortwährende Relevanz. Durch das gezielte Sensibilisieren von Beschäftigten und die Etablierung von verhaltensbezogenen Maßnahmen kann auch bei diesem einfachen Sicherheitsthema eine Reduzierung von Treppenunfällen erfolgen. Die Einführung eines BBS-Systems stellt dabei nur ein Praxisbeispiel dar. Ein elementarer Grundstein hierfür ist die ehrliche und wertschätzende Kommunikation über Sicherheitsthemen und persönliche Verhaltensweisen – ohne aus jedem Hinweis einen Angriff auf die eigene Person zu machen. Nur wer Sicherheit als Teamprinzip versteht, kann nachhaltig eine Sicherheitskultur entwickeln.


Quellenverzeichnis

Ganzke, A.; Kahl, A. (2019). Zeitgemäße betriebliche Arbeitsschutzstrategie – ohne verhaltensbasiertes Konzept nicht erfolgreich! In: Sicherheitsingenieur, 2019, Nr. 07.


DGUV (2019). Arbeitsunfallgeschehen 2018. https://publikationen.dguv.de/widgets/pdf/download/article/3680. Zuletzt abgerufen am 02.03.2020.


Betsch, Tilmann (2005). Wie beeinflussen Routinen das Entscheidungsverhalten? In: Psychologische Rundschau, 2005, Nr. 56


Bördlein, Christoph (2016). Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit. In: Sicherheitsingenieur, 2016, Nr. 48 (05).

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