Drei wesentliche Voraussetzungen einer guten Sicherheitskultur

837.971 meldepflichtige Arbeitsunfälle ereigneten sich im vergangenen Jahr an den deutschen Arbeitsplätzen. Ein positiver Trend, denn im Jahre 2018 waren es noch 0,4 Prozent mehr. Die tödlichen Arbeitsunfälle stagnieren nahezu auf dem gleichen Niveau. So mussten im Jahr 2019 insgesamt 422 Arbeitsunfälle mit einem tödlichen Ausgang verzeichnet werden. Zwei mehr, als im Jahre 2018 (1). Inwiefern sich der Trend der letzten Jahre auch in diesem Jahr fortsetzt, ist derzeit noch nicht absehbar. Alarmierende Zeichen gab es jedoch von der Berufsgenossenschaft Bau. Allein von März bis Ende April verzeichneten die Mitgliedsbetriebe der BG Bau 15 tödliche Arbeitsunfälle (2).


An einem sonnigen Juniabend treffen sich zwei befreundete Führungskräfte in einem grün angelegten Biergarten. Die Vögel zwitschern und die Sonne meint es gut mit allen Gästen. Nachdem sich die Beiden begrüßt haben, gehen sie an vier runden Tischen vorbei und setzen sich an einen 4er-Tisch unter einem blauen Sonnenschirm. Die eine Führungskraft wirkt fröhlich und schaut frisch sowie munter aus. Die andere Führungskraft ist das genaue Gegenteil. Sie wirkt emotional angespannt, die leicht gerötete Haut und die dunklen Augenringe sprechen für wenig Schlaf in den letzten Nächten. Die gut gelaunte Führungskraft berichtet, dass seine Mitarbeiter und er heute 1000 Tage ohne meldepflichtigen Arbeitsunfall gefeiert haben. “Schön für Dich”, erwidert die andere Führungskraft missmutig. Auf Nachfrage runzelt er seine Stirn und trinkt einen großen Schluck aus seinem Bierglas. In meinem Produktionsbereich gab es heute schon wieder einen Arbeitsunfall. Die Jungs machen auch einfach nicht, was sie sollen. Das ist der zehnte Arbeitsunfall in den letzten sechs Monaten. Dieses Mal hat der Typ einfach in die rotierende Welle gefasst. Die gut gelaunte Führungskraft fragt nach, wie es zum Arbeitsunfall kommen konnte. Die Mitarbeiter haben einfach keinen Bock sicher zu arbeiten, sagt die andere Führungskraft mit einem roter werdenden Kopf. Ich gebe den jedes Jahr erneut die Betriebsanweisungen zum Durchlesen. Ich sage den 1000 Mal, dass unsicheres Arbeiten abgemahnt wird. Anscheinend habe ich nur Vollidioten in meinem Arbeitsbereich.


Welche Kernbotschaften vermitteln die beiden Führungskräfte noch mal? Der Eine feiert mit seinen Mitarbeitern 1.000 Tage ohne meldepflichtigen Arbeitsunfall. Das lässt auf ein gemeinsames Miteinander auf Augenhöhe und Respekt hinweisen. Der Andere bezeichnet seine Mitarbeiter als Vollidioten und spricht von Abmahnungen. Unterschiedlicher können die Welten von Führungskräften im Arbeitsschutz nicht sein. Doch was ist nun der richtige Weg?


Rund 90 Prozent aller meldepflichtigen Arbeitsunfälle sind verhaltensbedingt. In Zahlen bedeutet dies im vergangenen Jahr 754.174 Arbeitsunfälle. Arbeitsunfälle, die durch eine fehlerhafte Handlung oder eine unterlassende Handlung ausgelöst wurden. Ich kann nicht sagen, ob diese Ansätze in jedem Unternehmen übernommen werden können. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass diese Ansätze eines schaffen: Reduzieren von Arbeitsunfällen. Schaffen von mehr Motivation am Arbeitsplatz. Erreichen einer stärkeren Bindung zwischen Führungskräften und Mitarbeitern.


Drei wesentliche Voraussetzungen für Führungskräfte und Mitarbeiter in einer guten Sicherheitskultur sind neben vorhandenen Strukturen und Prozessen:

  1. Zeit für Sicherheit

  2. Fähigkeiten einer geeigneten Kommunikation

  3. Offene Fehlerkultur


Zeit für Sicherheit

Die Sicherheit ist ein wesentliches Grundbedürfnis von Menschen (3). Es lässt sich somit unterstellen, dass sich der Großteil der Menschen nicht freiwillig am Arbeitsplatz verletzen möchte. Ausnahmen mögen die Regel sprichwörtlich bestätigen. Doch warum ereignen sich 754.174 Arbeitsunfälle (90 Prozent) durch ein Fehlverhalten? In vielen Fällen ist es die fehlende Zeit. Oder auch nur das Gefühl, wenig Zeit zu haben. So entsteht das berühmte "mal eben machen", das zu einem schweren Arbeitsunfall führt.

Es ist von großer Bedeutung, dass der CEO des Unternehmens die Botschaft "Safety First" prägt und lebt. Der CEO als Vorbildfunktion für Arbeitsschutz, der dies auch von seinen Führungskräften und Mitarbeitern einfordert. Den Führungskräften und Mitarbeitern muss bewusst werden, dass diese ausreichend Zeit für sicheres Arbeiten besitzen. Eine Option insbesondere für Führungskräfte kann eine praxisnahe Definition von frei verfügbaren Zeiten für den Arbeitsschutz sein.


Fähigkeiten einer geeigneten Kommunikation

Warum wird von einigen Menschen der Hinweis zum sicheren Arbeiten als unangemessen, oder sogar als persönlicher Angriff empfunden? Wie wir bereits festgestellt haben, wollen doch alle Menschen sicher gesund nach Hause gehen. In den meisten Fällen ist nicht der Inhalt des Hinweises das Problem. Sondern die Wortwahl, die Mimik und Gestik, oder auch mal das persönliche Ego des Gegenüber.

Das Gute an dieser Stelle: Hieran können Führungskräfte und Mitarbeiter persönlich wachsen. Wenn Unternehmen Ihre Führungskräfte und Mitarbeiter in der gezielten Kommunikation weiterbilden, entstehen weniger Konflikte. Wenn das Feedback zu unsicheren Arbeitsweisen als positive Geste verstanden wird, dann ist das Unternehmen auf einem guten Weg. Entgegen der typischen deutschen Mentaltität gehört unbedingt auch das Loben von sicheren Arbeitsweisen dazu.


Offene Fehlerkultur

Beim Umgang mit Fehlern unterscheiden sich Unternehmen wohl teilweise erheblich. Einige begegnen jedes unsichere Verhalten bzw, jeden Arbeitsunfall mit Abmahnungen und daraus folgend auch Kündigungen. Andere hingegen sehen Abmahnungen und Kündigungen als letztes Mittel der Wahl. Sie kommunizieren offenen über Fehler und daraus folgenden Erkenntnissen. Mit einer hohen Wahrscheinlichkeit führen Abmahnungen und Kündigen dazu, dass immer weniger Arbeitsunfälle gemeldet werden. Doch sind die sinkenden Zahlen real, oder werden die Fehler einfach nur vertuscht? Wohl eher Zweiteres. Dann läuft trotzdem und wohl noch schneller die Uhr bis zum nächsten schweren Arbeitsunfall.

Wenn CEO und Führungskräfte eine offene Fehlerkultur fördern, werden auch die Mitarbeiter offener damit umgehen. Somit vermeiden Sie auf mittelfristige Sicht die gleichen Fehler, die zu Unfällen führen. Sie schaffen eine bessere Kommunikation untereinander.


Als CEO, als Führungskraft und als Mitarbeiter hast Du es in der Hand. Die Entscheidung, ob Arbeitsunfälle reduziert werden, oder nicht. Die Entscheidung, jeden Tag mehr auf deine Sicherheit und die deiner Kollegen zu achten. Wann Du am besten damit anfängst? Der beste Tag um mit etwas Neuem anzufangen, ist immer genau heute.


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Stefan Ganzke

Inhaber, Berater und Trainer

Ganzheitliche und individuelle Strategieberatung zur Sicherheitskultur | Behavior Based Safety | Innovative Trainings und Coachings | Keynote-Speaker

Mobil: 0176/62119788

E-Mail: stefan.ganzke@wandelwerker.com



Quellenverzeichnis

(1) Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (28.06.2020): Vorläufige Unfall- und Berufskrankheitenzahlen 2019. https://www.dguv.de/de/zahlen-fakten/vorlaeufige-zahlen-neu/allgemeine-uv/index.jsp


(2) Berufsgenossenschaft Bau (05.05.2020): Alarmierende Zahlen am Bau. Tödliche Arbeitsunfälle deutlich angestiegen. https://www.bgbau.de/mitteilung/toedliche-arbeitsunfaelle/


(3) (28.06.2020) https://www.habitgym.de/maslowsche-beduerfnispyramide/


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