"Sie übertreiben doch!" Arbeitsschützer müssen kommunizieren können

Aktualisiert: Sept 18


Die Fachkraft für Arbeitssicherheit eines mittelständischen Unternehmen betritt das Büro des dortigen Produktionsleiters. Bereits beim Betreten spürt er die kleinen Schweißperlen auf der Stirn. Er merkt, wie seine beiden Hände leicht zu zittern beginnen. Sein Magen dreht sich. "Kommen Sie doch endlich rein Herr Schmidt. Fassen Sie sich bitte kurz, ich habe wenig Zeit", begrüßt der Produktionsleiter die Fachkraft. Die Fachkraft teilt mit, dass an fünf Produktionsmaschinen sicherheitstechnisch nachgerüstet werden muss. Kostenpunkt rund 150.000 Euro. Der Produktionsleiter erhebt die Stimme. "Wissen Sie eigentlich wie viel 150.000 Euro sind? Sie übertreiben doch schon wieder. Ich glaube nicht, dass dies rechtlich wirklich erforderlich ist."



Ein Gespräch, dass sicherlich nicht selten in Unternehmen geführt wird. Doch warum erreichen einige Menschen ihre Ziele im Gespräch und andere Menschen nicht? Sicherlich, die Verantwortung für den Arbeitsschutz besitzt der Arbeitgeber. Aber wollen nicht alle Fachkräfte für Arbeitssicherheit und Sicherheitsbeauftragte erreichen, dass sich ihre Empfehlungen und Vorstellungen auch durchsetzen? 


Eine geeignete Kommunikation ist ein wesentliches Instrument für ein hohes Sicherheitsbewusstsein. Dies bedeutet, dass die Kommunikationsfähigkeit von Führungskräften, Fachkräften für Arbeitssicherheit/ Sicherheitsingenieuren und Sicherheitsbeauftragten einen hohen Stellenwert besitzt. In der Ausbildung der jeweiligen Funktionen besitzt die Kommunikation in der Regel nur einen kleinen bis keinen Anteil. Eine unzureichende Kommunikationsfähigkeit führt oftmals dazu, dass sehr gute Ideen und Ansätze kein Gehör und somit keine Umsetzung finden. Der grundlegende Ablauf einer Kommunikation wird vereinfacht im Sender-Empfänger-Modell nach Stuart Hall (1970) dargestellt. Dementsprechend verfasst der Sender eine Nachricht und teilt diese dem Empfänger mit. Der Empfänger nimmt die Nachricht auf und interpretiert diese. Bei der Interpretation von Nachrichten bestehen unterschiedliche Fehlerquellen. Diese Informationsstörungen entstehen, wenn Sender und Empfänger


  1. sich nicht zuhören und nicht aufeinander eingehen,

  2. sich nicht in andere Menschen hineinversetzen können,

  3. ein unterschiedliches Fachwissen in Größe und Güte besitzen oder

  4. sich misstrauen.


Die Interpretation der Informationen kann durch unterschiedliche Fehlerquellen beeinflusst werden. Beeinflussungen liegen beispielsweise vor, wenn Sender oder Empfänger: 

  • sich nicht zuhören und aufeinander eingehen,

  • sich nicht in andere Menschen hineinversetzen können,

  • ein unterschiedliches Fachwissen in Größe und Güte besitzen oder

  • sich misstrauen.

Grundsätzlich kann auch bereits die Lautstärke der Stimme oder die Wortwahl zu einer ablehnenden Haltung des Gesprächspartners führen. Somit wird deutlich, dass die Kommunikation im Arbeitsschutz umso erfolgreicher wird, wenn die „Sprache“ des Gesprächspartners gesprochen wird. In Anlehnung an das Typenmodell nach Sokratis ergeben sich im Arbeitsschutz vereinfach die vier Persönlichkeitstypen nach dem WandelWerker®-Modell (2019). Es gilt grundsätzlich, dass es nicht nur 100 Prozent Persönlichkeitstypen gibt, sondern auch Mischtypen.


Der Angreifer


Beschäftigte mit einem hohen Persönlichkeitsanteil des Angreifers sind stark extrovertiert. Sie übernehmen gerne die Gesprächsführung, auch wenn nur wenig bis keine fundierten Kenntnisse im Arbeitsschutz vorhanden sind. Er führt die Kommunikation sehr direkt und teilweise mit einer aggressiven Wortwahl. Hierdurch verängstigt er Beschäftigte mit anderen Persönlichkeitsanteilen, wodurch Diskussionen mit dem Angreifer von diesen möglichst vermieden werden. Er vergisst hierbei, dass Arbeitsschutz nur im Zusammenspiel mit anderen Beschäftigten erfolgreich werden kann.


  • „Das glaube ich Ihnen nicht“,

  • „Ihre Maßnahmen sind vollkommen überzogen“ und

  • „Das ist doch nicht praxistauglich“.

Die Motivation für den Arbeitsschutz ist rein extrinsisch. Er selbst empfindet viele Anforderungen im Arbeitsschutz als überzogen und teilweise nicht notwendig. Der Angreifer delegiert gerne sämtliche Aufgaben an andere Beschäftigte im Unternehmen. Damit versucht er sicherzustellen, dass er nach einem Ereignis möglichst keine rechtlichen Konsequenzen befürchten muss. Beim Eintritt von Fehlern sieht er nur selten die Ursache bei sich, sondern viel mehr bei den Anderen. Er ist sehr sachlich orientiert, es zählen ausschließlich Zahlen, Daten und Fakten. Aus seiner Sicht sind Maßnahmen zum verhaltensorientierten Arbeitsschutz von geringer Bedeutung. Er vertritt die Ansicht, dass grundsätzlich jeder Verstoß gegen Regeln arbeitsrechtliche Konsequenzen bedeutet. Der Angreifer versteht nicht, dass eine offene Fehlerkultur und dauerhafte arbeitsrechtliche Konsequenzen sich ausschließen.

Ein Fachgespräch mit dem Angreifer ist in der Regel nicht lange. Er möchte schnell Antworten auf seine Fragen erhalten. Das Interesse an einem Smalltalk ist nur kaum bis nicht vorhanden. Auf Grund seiner extrovertierten Art möchte er das Gespräch nach seinem Ansinnen lenken. Wenn jemand das Gespräch lenkt ohne ihn einzubinden, steigt die Ablehnung. Der Angreifer möchte an erster Stelle wissen, wie das Problem schnellstmöglich gelöst werden kann bzw. wie er schnellstmöglich aus der nicht rechtskonformen Situation gelangt. Es empfiehlt sich dieses Gespräch detailliert vorzubereiten. Ein schneller Übergang zum eigentlichen Thema ist für die Aufmerksamkeit des Angreifers wesentlich. Damit er das Gefühl erhält das Gespräch lenken zu können, gilt es ihm wiederkehrend nach seiner Meinung sowie nach seinen Ideen zur Lösung des Problems zu fragen.


Vermeider


Besitzt ein Beschäftigter einen hohen Persönlichkeitsanteil eines Vermeiders, weist dieser einen leichten introvertierten Charakter auf. Ihm ist bewusst, dass die Arbeitssicherheit im Unternehmen einen wichtigen Stellenwert besitzen sollte. Er möchte auch seinen Anteil dazu leisten. Dennoch sucht er gerne nach Ausnahmen von vielen sicherheitsrelevanten Regeln. Er möchte sich bei einer bestimmten Auswahl an Beschäftigten nicht unbeliebt machen.


Der Vermeider besitzt eine extrinsische Motivation für den Arbeitsschutz. Er hat Sorge vor den rechtlichen Konsequenzen beim Nichteinhalten von rechtlichen Vorgaben. Aus diesem Grunde motiviert er andere Beschäftigte zum Einhalten von Sicherheitsvorschriften. Zugleich versucht der Vermeider auch nicht mehr für den Arbeitsschutz zu tun, als wirklich notwendig ist. Typische Aussagen dieses Persönlichkeitstypens sind zum Beispiel


  • „Muss es wirklich sein, dass alle Beschäftigten Sicherheitsschuhe tragen?“,

  • „Ich bin für Sicherheit, dennoch sollten wir diese Investition noch einmal prüfen“ oder

  • „Ich möchte keinen Ärger mit den Behörden haben, darum setzen wir die Maßnahmen um“.

Der Vermeider ist im Unternehmen für die Kommunikation auf der Beziehungsebene bekannt. Für ihn besitzt der Mensch eine wichtige Rolle. Er versucht die Beschäftigten bei seinen Entscheidungen einzubinden und deren Sichtweise zu verstehen. Für ihn ist neben den technischen und organisatorischen Maßnahmen der verhaltensorientierte Arbeitsschutz eine Ergänzung. Die Vornahme von arbeitsrechtlichen Konsequenzen bei einem Verstoß gegen Sicherheitsvorschriften sieht er als notwendig. Er neigt hierbei jedoch zur Unterscheidung zwischen Führungskräften und Mitarbeitern.


Die fachlichen Gespräche mit dem Vermeider sind in der Regel kurz, jedoch in kurzen zeitlichen Abständen wiederkehrend. Er ist ein Mensch der selten 100 Prozent geben möchte, fordert dies aber nicht aktiv ein. Der Gesprächspartner kommuniziert am besten auf der Beziehungsebene. Er fragt im Gespräch nach, wie er dem Vermeider bei der Umsetzung von Maßnahmen helfen kann. Ein loyales Verhalten sowie glaubwürdige Zusage einer dauerhaften Unterstützung im Veränderungsprozess führen zum Gesprächserfolg.


Der Leidenschaftliche


Beschäftigte mit einem hohen Persönlichkeitsanteil des Leidenschaftlichen besitzen in den meisten Fällen eine direkte Verbindung zur Abteilung Arbeitssicherheit. Der Leidenschaftliche „brennt“ sprichwörtlich für den Arbeitsschutz. Durch seine extrovertierte Art tritt er ohne Ängste in der Öffentlichkeit für seine Überzeugungen ein. Ihn zeichnen sein fundiertes Fachwissen sowie seine strukturierte Arbeitsweise aus. Deshalb genießt er sowohl im Unternehmen als auch bei den Behörden und Berufsgenossenschaften Anerkennung.



Der Leidenschaftliche besitzt eine intrinsische Motivation. Er ist fest davon überzeugt, dass er mit seiner Arbeit Unfälle von Menschen verhindern kann. Hierfür gibt er 100 Prozent und wirkt auf andere Beschäftigte auch mal nervend. In einigen Situationen vergisst er, dass ein Unternehmen auch wirtschaftlich arbeiten muss. Typische Aussagen des Leidenschaftlichen sind beispielsweise


  • „Sehr gut, ich würde jedoch noch einen Schritt weiter gehen“,

  • „Auch wenn es rechtlich nicht erforderlich ist, werden wir dadurch sicherer“ oder

  • „Sie sind damit rechtskonform, aber Unfälle reduzieren Sie hierdurch nicht nachhaltig“.

Der Leidenschaftlich legt ebenfalls viel Wert auf Zahlen, Daten, Fakten. Er ist trotz seiner überwiegend sachlichen Art auch offen für den verhaltensorientierten Arbeitsschutz. Seiner Meinung nach sind die technischen und organisatorischen Maßnahmen parallel zu den verhaltensorientierten Maßnahmen zu sehen. Gespräche mit dem Leidenschaftlichen können oftmals viel Zeit in Anspruch nehmen. Er prüft gerne intensiv Zahlen, Daten und Fakten. Er mag langfristige Konzepte mit Entwicklungen für die kommenden Jahre. Damit ein Gesprächspartner den Leidenschaftlichen überzeugen, bedarf es einem vertieften Hintergrundwissen. Am besten erhält der Leidenschaftliche die Daten zur Prüfung im Voraus. Die Überzeugungsarbeit des Gesprächspartners muss ist umso einfacher, desto solider die Grundlagen und Belege sind. Der Leidenschaftliche möchte möglichst viel umsetzen und muss dementsprechend durch den Gesprächspartner sympathisch eingebremst werden.


Der Mitläufer


Ein Beschäftigter mit einer hohen Persönlichkeitsausprägung des Mitläufers ist stark introvertiert. Er empfindet die Arbeitssicherheit im Unternehmen als eine wichtige Aufgabe für jeden Beschäftigten. Deshalb übernimmt er auch gerne auf Nachfrage zusätzliche Aufgaben im Arbeitsschutz.


Der Mitläufer besitzt eine intrinsische Motivation für den Arbeitsschutz. Für ihn ist die Einhaltung von Sicherheitsvorschriften eine Selbstverständlichkeit. Durch seinen introvertierten Charakter hindert er sich jedoch selbst daran, andere Beschäftigte zum sicheren Arbeiten zu motivieren bzw. von unsicheren Arbeiten abzuhalten. Er möchte niemanden bevormunden. Eine Einbindung möglichst vieler Beschäftigte ist ihm wichtig. Typische Aussagen des Vermeiders sind zum Beispiel 

  • „Diese Regel finde ich gut. Was sagen denn die Anderen dazu“

  •  „Ich halte die Regeln immer ein. Andere machen es jedoch nicht immer“

  • „Ich brauche Unterstützung bei der Information der Beschäftigten“


Der Mitläufer hat eine starke Ausprägung der Beziehungsebene. Er ist sehr emphatisch und sozial eingestellt Für seine Kollegen gilt er auch als guter Zuhörer. Hierbei neigt der Mitläufer auch dazu von Anderen ausgenutzt zu werden. Der verhaltensorientierte Arbeitsschutz steht für ihn an erster Stelle. Der Mitläufer liebt den Dialog mit Anderen. Er neigt dazu viel über private Themen zu sprechen um dann am Ende zu den Problemen im Arbeitsschutz zu gelangen. Er muss ein Beziehungsverhältnis zu dem Gesprächspartner aufbauen, damit er überzeugt werden kann. Der Aufbau eines Beziehungsverhältnisses erfolgt bei den Mitläufern verhältnismäßig schnell. Im Gespräch sollte der Gesprächspartner bereit sein, mit dem Mitläufer auch persönliche Themen zu teilen und ihm zuzuhören. Im Anschluss benötigt es nicht viel Arbeit um ihn von Ideen im Arbeitsschutz zu überzeugen.


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Zusammenfassung

Das erste Axiom nach Paul Watzlawik beschreibt, dass „man nicht, nicht kommunizieren“ kann [2]. Diese These belegt, wie wichtig eine gezielte Kommunikation im Arbeitsschutz ist. Nur durch die richtige Vorgehensweise und dem Kennen der persönlichen Eigenschaften des Gegenübers, lassen sich Maßnahmen im Arbeitsschutz schneller und effizienter umsetzen. Für die betriebliche Praxis stellt das WandelWerker®-Modell eine vereinfachte Darstellung der Eigenschaften von den vier wesentlichen Persönlichkeitstypen im Arbeitsschutz, aber auch darüber hinaus dar. Unter Anwendung dieses Modells lässt sich die Kommunikation mit Übung und Erfahrung besser steuern. Es empfiehlt sich Führungskräfte, Fachkräfte für Arbeitssicherheit und Sicherheitsbeauftragte in regelmäßigen Abständen in der Fähigkeit zu kommunizieren weiterzubilden.


Stefan Ganzke

Safety Culture Expert, Trainer und Berater

WandelWerker








Quellenverzeichnis:

[1]Von Thun, F., Ruppel, J., Stratmann, R. (2009): Miteinander reden. Kommunikationspsychologie für Führungskräfte [2] Trunk, Trude, Watzlawick, Paul (2011): Man kann nicht nicht kommunizieren. Hoegrefe-Verlag. 2. unveränderte Auflage

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