Warum Führungskräfte und Mitarbeiter unsichere Situationen nicht melden
Mitarbeitende sprechen unsichere Situationen oft nicht an, weil soziale Risiken, fehlende psychologische Sicherheit und systemische Fehlanreize das Schweigen fördern. Mit einer klaren Strategie, definierten Erwartungen, Führungskräftetrainings und verlässlicher Rückendeckung lässt sich eine offene Sicherheitskultur etablieren.
In vielen Produktionen erleben wir täglich Situationen, in denen unsichere Handlungen sichtbar sind und dennoch niemand eingreift. Fremdfirmen arbeiten auf Leitern ohne Sicherung, Baustellen werden beobachtet, ohne dass jemand das Gespräch sucht. Selbst Führungskräfte reagieren oft spät oder gar nicht. Die zentrale Frage lautet: Warum schweigen Menschen, obwohl sie wissen, dass etwas unsicher ist?
Dieser Beitrag beleuchtet die wahren Ursachen hinter dem Schweigen, zeigt typische systemische Fehler auf und beschreibt klare Schritte, wie Unternehmen eine Kultur schaffen, in der Mitarbeitende unsichere Situationen selbstverständlich ansprechen.
Analyse: Warum Menschen nicht reagieren
1. Soziale Risiken werden höher bewertet als physische Risiken
Unser Gehirn bewertet soziale Bedrohungen ähnlich stark wie körperliche. Die Angst vor Ablehnung, spöttischen Kommentaren oder negativen Reaktionen führt dazu, dass Beschäftigte lieber nichts sagen. Kleine Gesten wie Augenrollen oder abwertende Bemerkungen reichen aus, damit Mitarbeitende langfristig schweigen.
2. Fehlende psychologische Sicherheit
Psychologische Sicherheit bedeutet nicht, dass alle nett zueinander sein sollen. Entscheidend sind klare Regeln und vorhersehbare Reaktionen. Wenn heute Wertschätzung signalisiert wird, morgen aber ein „übertreib nicht“ folgt, entsteht Unsicherheit. Bleibt Feedback aus oder werden gemeldete Gefährdungen nicht weiterverfolgt, verlieren Mitarbeitende das Vertrauen in das System.
3. Das System belohnt Schweigen
Viele Unternehmen fördern ungewollt, dass Mitarbeitende nicht melden. Beispiele sind:
- Rekorde unfallfreier Tage
- Prämien für Null-Unfälle
- Anzeigetafeln für unfallfreie Zeiträume
Diese Instrumente senden ein klares Signal: Ein gemeldeter Vorfall stört. Mitarbeitende wollen nicht die Person sein, die das Plakat zurückstellt oder die Prämie „verhindert“. Die Folge ist ein systematisches Unterdrücken von Meldungen. Die Dunkelziffer steigt und das Unternehmen verliert Transparenz über reale Risiken.
4. Fehlender Rückhalt
Selbst gut geschulte Mitarbeitende bleiben stumm, wenn die Rückendeckung fehlt. Wer ein Fließband anhält, um eine unsichere Leiterarbeit zu stoppen, braucht die Sicherheit, dass die Führungskraft diese Entscheidung unterstützt. Kritik an Produktionskennzahlen direkt nach einer richtigen Intervention führt dazu, dass niemand mehr handelt. Solche Erfahrungen sprechen sich schnell herum.
Lösungsansätze: Wie Unternehmen das Schweigen durchbrechen
1. Eine klare Strategie entwickeln
Ein Kulturwandel entsteht nicht durch Einzelmaßnahmen. Unternehmen benötigen ein belastbares Bild: Wie wird aktuell gemeldet? Welche Dunkelziffer existiert? Wo liegen strukturelle Barrieren? Ein Assessment mit Interviews und Prozessanalysen schafft die Grundlage.
2. Erwartungshaltungen eindeutig definieren
Mitarbeitende und Führungskräfte brauchen Klarheit darüber, was im Umgang mit sicherheitsrelevanten Beobachtungen erwartet wird. Dazu gehört eine eindeutige Haltung zu Meldungen, zu Beinaheunfällen und zum Umgang mit Fehlern.
3. Führungskräfte praxisnah schulen
Viele Führungskräfte wissen nicht, wie sie unsichere Verhaltensweisen konstruktiv ansprechen sollen. Trainings unterstützen dabei, Kommunikationstechniken zu erlernen, in der Praxis zu üben und Sicherheit im Verhalten zu entwickeln.
4. Rückhalt sicherstellen
Es braucht ein Umfeld, in dem jede Intervention gewürdigt wird. Führungskräfte müssen konsequent zeigen, dass sicherheitsrelevantes Handeln Priorität hat und nicht gegen Produktivitätsziele ausgespielt wird.
Fazit
Mitarbeitende schweigen selten aus Bequemlichkeit. Sie schweigen, weil das System ihnen zeigt, dass Reden riskant ist und Schweigen belohnt wird. Wer die Meldemotivation steigern will, muss an Strategie, psychologischer Sicherheit, Erwartungshaltung und Führung arbeiten. Erst wenn diese Elemente zusammenwirken, entsteht eine Kultur, in der unsichere Situationen selbstverständlich angesprochen werden.
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